Bildungsurlaub 2025, Tallinn, Estonia mit Forum-Unna

Anreise mit LH882, freitags bereits. Das Kursprogramm beginnt ja erst am Sonntagabend. Samstag hatten wir einen schönen Tag auf der Fähre nach Helsinki und dort einen angenehmen Spaziergang durch die Stadt. Sonntag dann um 8 beim Frühstück, der Schock. Ein Bus Chinesen macht sich einem Heuschreckenschwarm gleich über das Buffet her. Ich kann hier zum Beitrag aus Page 2023 referenzieren, da war es genauso. Möglicherweise liegt es nur an der unterschiedlichen Sozialisierung, für uns ist lautes Schlürfen, Schmatzen und vor allem RÜLPSEN ohne schlechtes Gewissen halt nicht ganz so angenehm für die Ohren, den Touristen aus der Volkrepublik isses egal, die würden vermutlich dabei gerne rauchen, wenn sie dürften. Aber nach +/- 30 Minuten war der Spuk vorbei, das Buffet wurde wieder aufgefüllt, der hinterlassene Dreck weggräumt und wir konnten starten. Angeblich wird morgen kein solcher Besucheransturm erwartet. schaumermal.

Am Sonntagabend ist traditionell der Beginn des Seminars. Wir treffen uns in der Lobby, 19/20 Teilnehmer sind anwesend, so dass es gleich weitergeht zum Restaurant Odessa in der Altstadt. Dort wartet ein Menü und die Vorstellungsrunde. Es geht los mit einem scharfen Meerrettischschnaps, auf den folgt Borscht mit Sahne und für mutige mit einer Chilischote. Hauptgang sind zwei Kohlrouladen und als Dessert gibts Kirschsorbet bzw. auch mit Passionsfrucht. Sehr lekker alles. Bier wird traditionelles a.le coq serviert, den halben Liter gezapft für 6EUR.

Die Vorstellungsrunde ist nach dem Hauptgang und geht, vermutlich auch unter Zuhilfenahme des bisherigen Alks locker von der Hand. Nette Leute hier. Das kann ja heiter werden.

Montag, erster Tag. Frühstück um 8 Uhr, am Vorabend ist wieder ein Bus Chinesen angereist und die sitzen natürlich wieder schlürfend und lärmend bei Frühstück. OK, Russen sind schlimmer. Die Lautstärke ist gleich, aber Russen lassen immer mehrere halbvolle Teller zurückgehen. Die Chinesen essen wenigstens auf.

Danach kommt ein Fremdenführer, er heißt Martin Schröder, wohnt mit seiner Familie seit 10 Jahren in Tallinn. Und was soll ich sagen, ein Super Vortrag, keine Frage bleibt offen, auch bei der anschließenden Stadtführung spricht er die ganze Zeit im Radiorasa über seine Stadt. Das war klasse. Allerdings waren wir dann am Feierabend ziemlich kaputt und haben früh Feierabend gemacht. Ein toller erster Tag. Was es bei der Stadtführung gab? OK, wir fingen an der dicken Margarete an, dem Wehrturm mit Stadttor, dann ging es die Pikk-Straße rauf, an den Kirchen der Handwerker und Kaufleuten vorbei, zu den Häusern der Gilden. Vorbei an der russischen Botschaft und über den Wecken Gang zum Marktplatz. Dann hoch zum Dom und zum Sitz des Parlaments. Über dem Haus mit dem Sitz der estnischen Akademie der Wissenschaften sind wir zur Aussichtsplattform neben dem Sitz des Premierministers gegangen. Dort war dann Schluss für heute und wir sind langsam auseinander. Am Abend dann langsames Ausklingen des Tages. Bis morgen, wenn das chinesische Murmeltier wieder grüßt.

Dienstag. Nach dem Frühstück marschieren wir los zur Synagoge. In Estonia sind sie auf alles rekordverdächtige stolz, auch bei der jüdischen Gemeinde. Diese Synagoge ist die einzige auf der Welt, die ein Stück Fels vom Tempelberg vor dem Schrank mit den Torarollen hat. Mittag machen wir Restaurant Goa, direkt gegenüber des Hotels und am Nachmittag fahren wir mit der Eisenbahn zum Lager Klooga.

Mittwoch. Der Tag beginnt mit einem Vortrag des Historikers Karsten Brüggemann. Nie bin ich mit weniger Vorkenntnissen in einen Vortrag reingegangen und mit einer solchen Steigerung rausgekommen. Vor wenigen Tagen wär ich noch beim Zeigen von Estland auf einer Karte gescheitert. Jetzt werden die Zusammenhänge auf für die ersten 80 Jahre des letzten Jahrhunderts klar. Am Nachmittag gehen wir durch die Stadt zum Museum vabamu museum of occupation and freedom gegründet von einer ins Exil gegangenen, besser gesagt, geflüchteten Frau, die in den USA ein erfolgreicher Augenarzt wurde. auf deutsch: Museum der Besatzung und Freiheit. Etwas schwierig am Anfang, bis man die vier Typen der Menschen kennengelernt hat, die es damals gab. Dann macht es aber doch nachdenklich, weil man sich entscheiden muss, und dafür nicht viel Zeit hat. Diese Entscheidungen können Leben und Tod bedeuten.
Mittagessen gab es im Lido des Einkaufszentrums SOLARIS knapp ausserhalb der Altstadt. Dann Busfahrt zum MAARJAMÄE KOMMUNIS miohvrite MEMORIAAL. ein relativ neues Denkmal. Hier liegen deutsche, sowjetische und estionische Soldaten und Zivilisten nebeneinander und es gibt eine Tafel für die deportierten des Landes. Auch hier wird die Vielzahl der Schicksale spürbar. Es ging nach dem Ende des Krieges hier genauso weiter. Die Sowjets führten das Werk der Wehrmacht fort. Ein Dilemma.


Donnerstag: Wir machen nach dem Frühstück einen Marsch Richtung Ostsee und besichtigen das Viertel Kalamaja und danach das Viertel Telliskivi, ein dreieckiges Gebiet, in dem sich in den letzten Jahren Künstler angesiedelt haben. Dort angeschlossen machen wir Mittagspause, bevor wir am Nachmittag mit dem Bus Nr. 2 Richtung Flughafen fahren um etwas über die Digitalisierung des Landes zu erfahren. Ein junger bestens informierter Mann, Ranner Park informierte uns, dass mittlerweile alle Services des Staates den Bürgern gegenüber digital seien und man kein Amt mehr aufsuchen muss. Er demonstrierte dies an seinen eigenen Daten und erklärte uns die wesentlichen Sicherheitsprinzipien. Die Daten liegen disloziert und können nur mit Einwilligung des Dateninhabers (in der Regel der Bürger)zusammengefügt werden. Man muss dabei erwähnen, dass es nur 1,3 Millionen Einwohner gibt, nur eine Krankenkasse, keine Beamten, einen Steuersatz von 20% für alle gleich. Das vereinbart die Sache natürlich enorm. Jeder Bürger hat das Recht auf einen Computer zugreifen zu können, in jeder Gemeinde gibt es einen. Jeder Bürger ist mit einer staatlichen Emailadresse ausgestattet. Sogar die Wahlen funktionieren digital. Vor 30 Jahren fing man damit an, jedem Bürger wurden Kurse angeboten, so dass die 90-jährigen heute nicht sagen können, ich kann das nicht. Sie bekamen mit 60 bereits die Gelegenheit, das System zu lernen. Und Schulungen gibt es nach wie vor. Dieser Vortrag hätte etwas mehr adressatengerecht und eventuell auf deutsch gehalten werden können. Da er auf englisch war, konnten den einige nicht so gut verstehen. 
Abends trafen wir uns dann im Restaurant Tbilisi, Tiflis, es gab georgisches Essen und Wein. Das georgische Bier schmeckte mir nicht, aber ich hatte es ja in der Hand. 

Freitag, letzter Tag. Im Seminarraum hören wir einen Vortrag von Prof. Maris Saagpakk über Bildung in Estland. Dreh- und Angelpunkt in Estland ist die estnische Sprache, die ist sehr kompliziert und für Auslaender und auch für Russen (oder Esten, die nur russisch können) eine hohe Huerde. Oft zu hoch. Wir erfahren, dass es den klassischen Ausbildungsberuf wie in Deutschland, Geselle und Meister, in Estland nicht gibt. Nun, es gibt auffallend viele Häuser, da sind entweder die unterste oder beiden obersten Stufen einer Treppe etwas niedriger als der Rest. Deutschen Handwerkern gefaellt das nicht, aber es gibt in der Tat schlimmeres.

Um Mittag ist Schluss, wir machen einen kleinen Marsch durch die nun bekannte Gegend, essen Mittag im R14, einem michelin.bewerteten Restaurant im Rotermannviertel. Anschliessend gibts noch letzte Einkäufe und dann die Fahrt mit der zwei zum Flughafen. Der Rückflug war unaufgeregt und bis auf einem durchstarten und Parken auf dem Vorfeld war die Flugreise super. Klar, die Fahrt mit ÖPNV bis zum Auto klappte natürlich nicht, dieser RMV bekommt nichts hin. Die Fahrt mit der RB nach Mainz ging noch, aber für die letzten 6 Kilometer brauchten wir dann doch wieder einen Bus, weil über den Rhein die R8 nicht fuhr. ein echter Saftladen.

Heute am Samstag, nach dem Mittagessen gabs dann noch einen schönen Absacker mit Vana Tallinn, einem Kräuter-Mandel-Likör aus Tallinn,. einmal auf Eis, einmal pur. Jeder so, wie er mag. Bis zum Nächsten Mal!